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19. Februar 2020 Zurück

Zeichen setzen – Grün aufs Dach

Diese Auswirkungen hat eine extensive Dachbegrünung.

Auch Kommunen im Kreis wie Kamen denken zurzeit über die Begrünung von Bushaltestellen nach. Die niederländische Stadt Utrecht ist hier Vorreiter.

Da wo die Hobbits wohnen? Die begrünten Dächer dieser Wohnsiedlung sehen nicht nur behaglich aus, sondern sorgen auch für ein angenehmes Raumklima. Alle Fotos: BuGG e.V.

Die vierte Klimaschutzkonferenz des Kreis Unna zeigt die Richtung: In den kommenden Jahren wird das Thema Klimawandel und Klimaschutz einen immer größeren Raum einnehmen und letztendlich auch Unternehmen - vom Weltkonzern bis zum KMU - beeinflussen. Am Beispiel "Dachgrün" wollen wir zeigen, wie Unternehmer*innen und Bürger*innen gleichermaßen auf eine relativ naheligende Art ihren Beitrag für mehr Klimaschutz leisten können.

Riesig große, aber nackte Dachflächen auf Lager- oder Logistikhallen oder aber auch die viel gescholtenen geschotterte Vorgärten -  ungenutztes oder falsch genutztes Potential in Sachen Klimaschutz gibt es im Großen wie im Kleinen. Dabei lohnt sich sowohl im Großen wie im Kleinen der Blick nach oben: Dachflächen, egal ob in XXL auf betrieblichen Hallen oder in XS auf privaten Gartenhäusern oder Garagen können zur grünen Oase und zu einem nicht zu unterschätzenden Mittel gegen Klimawandel und für den Klimaschutz werden.

Denkanstoß

Warum geschieht das aber so selten? „Ich denke, das Thema Klimaschutz ist einfach noch nicht wirklich in den Köpfen der Menschen angekommen. Das Bewusstsein, dass jeder Einzelne etwas tun kann, ist noch nicht da“, vermutet René Kreß, der sich als Staatl. geprüfter Gartenbautechniker und Gärtnermeister auch auf Dach- und Fassadenbegrünungen spezialisiert hat.

Doch der Druck nimmt zu. Das Baugesetzbuch (BauGB) verlangt die Belange von Luft und Klima in der Bauleitplanung zu berücksichtigen. Der Gesetzgeber hat im BauGB festgeschrieben, dass auch die Anpassung an den Klimawandel bei Planungen zu berücksichtigen ist. Steigende Abwassergebühren oder Strom- und Heizkosten machen bisher „unattraktive“ Maßnahmen finanziell attraktiver. Und: Börsennotierte Unternehmen, die klimafreundlich agieren, sind am Aktienmarkt besser notiert und ziehen eher solvente Investoren an.

Dachbegrünungen wären ein probates  Mittel, um in Zeiten des Klimawandels ein Zeichen zu setzen. In Baden-Württemberg oder in Bayern räumt das Land den Gemeinden in ihren Landesbauordnungen ausdrücklich das Recht ein, Dachbegrünung in ihre örtlichen Bauvorschriften und damit verbindlich für Bauherren aufzunehmen. Als Beispiel sei hier die Stadt Stuttgart genannt, die seit vielen Jahren von diesem Recht Gebrauch macht und Dachbegrünungen in Bebauungsplänen festschreibt. Befürchtungen, dies könne Investoren verschrecken oder Unternehmen dazu bringen, abzuwandern, haben sich nicht bewahrheitet.

Förderung aufs Dach

In NRW ist dies anders, hier ist die konkrete Vorschrift einer Dachbegrünung weder beim Land noch in Kommunen vorgesehen . Allerdings heißt es beim Umwelt- und Landwirtschaftsministerium NRW: „Jeder, der eine Maßnahme plant, die zu erheblichen Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft führen kann, ist verpflichtet, diese Schäden so weit wie möglich zu vermeiden. Dieses naturschutzrechtliche Vermeidungsgebot dient der Umsetzung des Vorsorgeprinzips der Umweltpolitik. Wenn die Vermeidung nicht oder nur teilweise möglich ist, so ist der Verursacher für die „Reparatur“ des Schadens verantwortlich. Hier greift das Verursacherprinzip.“

„Es fehlte aber bisher der politische Wille, das auch nachhaltig umzusetzen“, merkt Holger Zühlke, Garten- und Landschaftsbaumeister und Geschäftsführer der in Unna ansässigen OBS Objekt-Begrünungs-Systeme GmbH, kritisch an. Zühlke ist außerdem Präsident des Verbands der Begrünungs-System Hersteller e.V.: „So wurden bisher zu Lasten der Bürger Kanäle und Regenrückhaltebecken gebaut, die auch die künftigen Starkregenereignisse ableiten und rückhalten müssen.“

Dabei leisten begrünte Dächer einen großen Beitrag zur Wasserrückhaltung. Gründächer mit ihrer Vegetationsschicht und einem mehrere Zentimeter dicken Aufbau können bis zu 100 Prozent des Regenwassers aufnehmen, bevor es zum Abfluss kommt, der damit reduziert und zeitverzögert in langsamem Tempo erfolgt und die Aufnahmefähigkeit der Kanalisation schont. Nicht ohne Grund können begrünte Dachflächen als Ausgleichsmaßnahme für überbaute Flächen geltend gemacht werden.

Aus 1.000 Tropfen wird ein Meer

Auch in Wohngebieten oder auf kleinteiligen Betriebsgeländen machen begrünte Kleindächer Sinn: „Hier macht es die Masse“, so René Kreß. Und tatsächlich: Rechnet man 15 Quadratmeter Grünfläche zum Beispiel pro Pultdach-Gartenhaus in einem Wohngebiet mit 100 Häusern, hat man schon 1.500 Quadratmeter Grünfläche gewonnen. „Gerade in modernen Baugebieten mit ihren kleinen Grundstücken und viel versiegelter Fläche wäre das außerdem ein nicht zu unterschätzender Faktor für das Mikroklima“, ergänzt René Kreß. Durch die Verdunstungskühle der bewachsenen Dachflächen kann in heißen Sommern die Umgebungstemperatur spürbar gesenkt und das Raumklima optimiert werden.

Auch im Bestand macht eine nachträgliche Dachbegrünung daher Sinn. „In den 80er Jahren wurden viele Fertig-Betongaragen gebaut, die benötigen nun nach und nach neue Dächer“, weiß Birgit Huckschlag, Dachdeckermeisterin und Geschäftsführerin des Dachdeckerbetriebs Schmiers GmbH in Unna-Massen. Eine Sanierung mit Begrünung ist in diesem Fällen ohne großen Aufwand möglich, die Kosten zwar höher als eine „normale“ Sanierung, aber überschaubar.

Langfristig lohnenswert

Im Vergleich mit einem bekiesten Flachdach sieht die Kostenrechnung so aus: Auf einem Flachdach kostet die Dachbegrünung 15 bis 25 Euro mehr pro Quadratmeter als ein Kiesbelag. Bei einer Dachfläche von 80 Quadratmetern entstehen also Mehrkosten von circa 2.000 Euro. Dafür wird aber auch die Dachabdichtung geschützt und die Lebensdauer auf bis zu 40 Jahre verlängert. Ein Flachdach mit Kiesbelag muss dagegen oft schon nach 15 bis 25 Jahren saniert werden. Langfristig gesehen lohnt sich also die Investition in ein Gründach auch aus Kostensicht.

Ein neues Schema F ist gefordert

Anders sieht das bei den großen Dachflächen zum Beispiel unserer Logistiker aus. „Es ist eine reine Zweckarchitektur, die überall auf der Welt nach Schema F angewendet wird“, weiß die Dachdeckerin. Das spart Kosten und ermöglicht ein schnelles und günstiges Bauen. Die Statik der Dachkonstruk-tionen ist „auf Kante“ geplant und entspricht meist nur dem Mindestmaß der gesetzlichen Vorgaben. Da ist kein Potential mehr, um eine Dachflächenbegrünung tragen zu können. „Hier wäre auch im Hinblick auf die Zukunft ein neues Schema F wünschenswert, das zum Beispiel Dach- und Fassadenbegrünungen und Solaranlagen direkt vorsieht“, appelliert Huckschlag an die Unternehmen und Investoren. Auch mit Blick auf Investoren, die mehr und mehr gerne in klimafreundlich agierende Unternehmen investieren.

Extensiv und intensiv

Begrünt werden kann ein Dach - egal ob groß oder klein - mit extensivem oder intensivem Bewuchs. „Bei einer extensiven Nutzung werden Pflanzen mit besonderer Anpassung an die extremen Standortbedingungen und hoher Regenerationsfähigkeit verwendet wie zum Beispiel Sedum-Arten. Nur anfangs muss man gegebenenfalls bei sehr trockenem Wetter bewässern, den Rest regelt allein die Natur“, erklärt Birgit Huckschlag.

Bei einer intensiven Begrünung ist alles denkbar bis hin zum Wald – wenn die Statik stimmt. Hier muss allerdings zur Pflege regelmäßig Hand angelegt werden.

„In den 80er und 90er Jahren waren Dachbegrünungen bei aufkeimendem Umweltbewusstsein schon einmal Thema, doch damals wurden noch viele Fehler beim Aufbau und beim Bepflanzen gemacht“, weiß Dachdeckerin Birgit Huckschlag. Bei zu geringem Gefälle und einem wenig durchdachten Aufbau gab es oft Undichtigkeiten und Staunässe, die dazu führte, dass sich auch unerwünschte Pflanzen wie Birken oder pflegeintensive Gräser ansiedelten. „Mit modernen Aufbauten passiert so etwas nicht mehr“, weiß auch Zühlke.

Im Gegenteil: Durch die Begrünung wird die Dachabdichtung vor UV-Strahlung, Witterungseinflüssen, Hagel und mechanischen Beschädigungen geschützt. Außerdem sorgen die Pflanzen für geringere Temperaturschwankungen. „Dies führt insgesamt zu einer Verdoppelung der Lebensdauer der Dachabdichtung im Gegensatz zu einem herkömmlichen Flachdach“, weiß Birgit Huckschlag. Außerdem entsteht ein zusätzlicher Wärme- und Schallschutz. All dies wirkt sich außerdem positiv auf den Wiederverkaufswert einer Immobilie aus.

Und: „Dadurch, dass Gründächer 30 bis 100 Prozent des Niederschlagswassers speichern, reduzieren sich die Abwassergebühren um ebenfalls 30 bis 100 Prozent bei gespaltener Abwassersatzung, bei der Schmutzwasser und Niederschlagswasser getrennt berechnet werden“ erläutert HolgerZühlke. Aufgrund der in Unna geltenden „gespaltenen Abwassersatzung“ ist es hier auf Antrag sogar möglich, sich von den Regenwassergebühren von 1,24 Euro/m² pro Jahr befreien zu lassen.

Fördergelder abrufbar

Und wie sieht es mit Förderprogrammen aus? Die Emschergenossenschaft, der Lippeverband und das Land NRW haben für das aktuelle Haushaltsjahr rund vier Millionen Euro „zur Verbesserung der Gewässergüte“ zur Verfügung gestellt. Damit sollen Kommunen unter anderem Flächenentsieglungen und Dachbegrünungen fördern. Wer eine natürliche Dachdämmung in Form einer Dachbegrünung nutzen möchte, kann auch bei der KfW-Bank eine staatliche Förderung für sein Gründach beantragen. Die Dachbegrü-nung zählt im Programm "Energieeffizient Sanieren" als Maßnahme zur Dämmung. Hausbesitzer erhalten entweder einen Zuschuss oder können einen zinsgünstigen Kredit in Anspruch nehmen.

Und es gibt natürlich eine ganze Reihe nicht in Geld aufzuwiegender Vorteile: Bessere Lebensqualität durch besseres Klima, Staubbindung und natürliche Luftbefeuchtung und –kühlung. Letztendlich könnte ein begrüntes Dach sogar in Form einer Dachterrasse als Erholungsfläche genutzt werden und damit die Nutzfläche eines Gebäudes erhöhen. Aber auch einfach nur zum Anschauen sind einsehbare begrünte Flachdächer echte "Wohlfühldächer".

Übrigens: Im Gründachkataster ds eigene Dach "checken"

Der Regionalverband Ruhr (RVR) hat gemeinsam mit der Emschergenossenschaft ein Gründachkataster für die Metropole Ruhr und damit auch den Kreis Unna erstellen lassen. Die Einfärbung der Dachflächen zeigt an, wie sehr sich ein Haus für ein Gründach eignet.

Über eine Detailanalyse können auch die eingesparte Abwassermenge, die CO2-Absorption und der gehaltene Feinstaub pro Jahr geschätzt werden. Erstellt wurde das Kataster von der tetraeder.solar GmbH in Dortmund.

Analyse zeigte Potenzial

Die Analyse des Katasters durch den RVR hat gezeigt, dass über 800.000 Gebäude potenziell zur Be-grünung geeignet sind. Damit kann fast jedes zweite Dach in der Metropole Ruhr vorbehaltlich der Statikprüfung begrünt werden und somit einen Beitrag zur Klimaanpassung leisten.

Durch die Vegetation können große Mengen an Kohlendioxid und Staub reduziert werden. Würden alle geeigneten Dächer in der Metropole Ruhr - sowohl alle Flachdächer als auch leicht geneigten Dächer bis 30 Grad - begrünt werden, so könnten fast  25.000 Tonnen CO2 und Staub pro Jahr gebunden werden.

Zum Gründachkataster: www.gruendachkataster.rvr.ruhr 



Weitere Infos finden Sie unter anderem hier:

www.dortmund.ihk24.de – Stichwort Wirtschaftsgrün
www.vbsh-ev.de
www.gebaeudegruen.info
www.gebaeudegruen.info/service/downloads/dach-fassaden-innengruen
www.energie-fachberater.de/dach/

 

Elke Böinghoff

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